Zum Inhalt springen

Der oft übersehene Vorteil von wiederholten Entspannungsritualen an stressigen Tagen

Hände halten eine dampfende Tasse Tee auf einem Schreibtisch mit Laptop, Notizen, Handy und Uhr.

Im Zug um 7:42 Uhr ist eigentlich niemand so richtig „da“. Augen leuchten blau von Handys, Kiefer zusammengebissen, die Gedanken schon in den 10‑Uhr-Meetings. Eine Frau im beigen Mantel steht bei der Tür, eine Hand an der Stange, die andere um einen Kaffeebecher gelegt. Ihr Daumen tippt dreimal auf den Deckel. Dann noch einmal dreimal. Sie schaut aus dem Fenster, die Schultern sinken einen halben Zentimeter – fast nicht zu sehen.

Sie macht nicht die Augen zu. Sie atmet nicht übertrieben, wie in einer Wellness-Werbung. Sie wiederholt einfach dieses winzige, fast ein bissl depperte Ritual, bis der Zug einfährt. Später, um 15:17 Uhr, eingesperrt in einem Büro-WC, während die E-Mails explodieren, macht sie dasselbe am Waschbeckenrand. Tipp, tipp, tipp. Tipp, tipp, tipp.

Für alle anderen ist’s nix. Für sie ist’s der Unterschied zwischen Untergehen und den Kopf grad noch über Wasser halten.

Die leise Kraft, immer wieder dasselbe Kleine zu tun

An stressigen Tagen klammern sich die meisten von uns an Produktivitäts-Hacks und heldenhafte To-do-Listen. Wir jagen dem nächsten Trick nach, der das Chaos irgendwie beherrschbar wirken lässt. Und trotzdem ist das, was viele Menschen im Inneren zusammenhält, nicht irgendein großes System, sondern ein winziger, wiederholter Handgriff, der sie erdet.

Vielleicht ist es derselbe Häferl Tee zur selben Zeit. Dieselben drei Atemzüge, bevor man Slack aufmacht. Derselbe Spaziergang ums Eck – und genau bei derselben Bodenfuge steigt man immer mit demselben Schritt drüber. Von außen schaut Wiederholung fad aus. Innen kann sie sich anfühlen wie ein geheimes Geländer.

Der echte Nutzen kündigt sich nicht groß an. Er brummt im Hintergrund und verhindert, dass dein Nervensystem die Sicherung raushaut.

Eine Managerin, die ich in London interviewt hab, hat geschworen, dass ihr Job durch eine 30‑Sekunden-Erdungsroutine gerettet wurde. Jeden Tag um 17:55 Uhr hat sie den Laptop zugeklappt, beide Füße flach auf den Boden gestellt und die Handflächen fest aneinandergepresst, bis sie gespürt hat, wie Wärme aufsteigt. Keine App. Keine Musik. Nur Druck, Atem und ein leises Zählen bis zehn.

Am Anfang war’s ein Trick von ihrer Therapeutin, damit sie die Arbeit nicht „im Körper“ mit nach Hause nimmt. Drei Wochen später ist ihr was Seltsames aufgefallen: An den Tagen, an denen sie die Routine ausgelassen hat, ist ihr Schlaf komplett eingegangen. An den Tagen, an denen sie sie gemacht hat, haben sich die Abende … weiter angefühlt. Nicht fröhlicher. Nur weniger zusammengedrückt.

In einer kleinen Umfrage aus 2022 unter Remote-Worker*innen haben jene, die tagsüber eine kurze körperliche oder sensorische Routine wiederholt haben, viel öfter berichtet, dass sie sich „verankert“ oder „zurückgesetzt“ fühlen – im Vergleich zu denen, die nur mentale Strategien wie Affirmationen genutzt haben. Die Kraft lag nicht in der Komplexität. Sondern in der Wiederholung selbst.

Die Logik dahinter ist leise brutal und sehr menschlich: Dein Gehirn liebt Muster. Wenn das Leben laut wird, scannt es nach allem, was vorhersehbar ist, nach allem, was sicher wirkt. Eine wiederholte Erdungsroutine wird zu einer Art innerem Orientierungspunkt: ein kleines, verlässliches „hier“ mitten in einem endlosen „und was kommt als Nächstes?“.

Jede Wiederholung trainiert deinen Körper, fast automatisch zu erkennen: „Das ist der Teil, wo wir wieder zu uns zurückkommen.“ Genau dieses Signal ist an vollen Tagen wichtig, wenn Entscheidungs-Müdigkeit alles zu Gatsch macht.

Du musst nicht mehr drüber nachdenken, wie du runterkommen sollst; das Ritual denkt für dich. Mit der Zeit können die Stressspitzen kleiner werden – nicht durch Magie, sondern weil sich die Strecke zwischen Überforderung und Reset verkürzt. Das ist der unauffällige Nutzen: Du verdrahtest dir still und leise den Weg zurück auf festen Boden neu.

Wie du eine Erdungsroutine baust, die einen stressigen Tag wirklich überlebt

Routinen, die bleiben, sind meistens peinlich einfach. Denk an 20 bis 60 Sekunden, verknüpft mit etwas, das du sowieso machst. Zum Beispiel: Jedes Mal, wenn du dir die Hände wäschst, spürst du die Wassertemperatur, bemerkst die Textur der Seife und nimmst einen langsamen Atemzug, während du zuschaust, wie der Schaum von den Fingern runterrinnt.

Oder jedes Mal, wenn du dein Handy entsperrst: kurz pausieren, das Gewicht in der Hand spüren, den Daumen drei Sekunden lang fest in die Handfläche drücken und dann durch den Mund ausatmen. Immer dieselbe Abfolge, jedes Mal, ohne Show, ohne Perfektion.

Häng’s an einen Anker, den du nie auslässt: Wasserkocher aufdrehen, ins Auto setzen, Laptop aufklappen. Diese Verknüpfung ist das, was die Routine selbst an den absurdesten Tagen überleben lässt.

Da stolpern die meisten: Sie gehen zu groß, zu schnell – und geben dann sich selbst die Schuld, wenn’s zusammenbricht. Am Montag beschließen sie, die neue Erdungsroutine wird zehn Minuten Meditation, Dehnen, Journaling, Zitronenwasser und eine Dankbarkeitsliste vor 7 Uhr. Bis Donnerstag ist’s vorbei.

Seien wir ehrlich: Das macht niemand wirklich jeden Tag.

Ein freundlicherer Zugang ist: Design für deinen schlimmsten Tag, nicht für deinen besten. Frag dich: „Würd ich das noch machen, wenn ich nur fünf Stunden geschlafen hab und mein Posteingang brennt?“ Wenn die Antwort nein ist, halbier’s. Dann noch einmal. Starte mit der kleinsten Version, die sich trotzdem wie eine echte Pause anfühlt – nicht wie ein Hakerl auf einer Liste.

„Wiederholung ist der Punkt, an dem der Körper endlich glaubt, was der Kopf seit Jahren versucht zu sagen: Du darfst zu dir zurückkommen.“

Da gibt’s außerdem eine leise emotionale Schicht, die selten ausgesprochen wird. In einer brutal vollen Woche ist so eine Routine eine Art, dir selbst – ohne Drama – zu sagen: „Ich hab dich nicht verlassen.“ Vielleicht sind’s nur fünf Atemzüge beim Küchenspülbecken oder das feste Reindrücken der Füße in den Boden im Bus heim. Winzig, aber loyal.

  • Halt es kurz genug, dass du’s auch erschöpft noch schaffst.
  • Mach es körperlich oder sensorisch, nicht nur mental.
  • Verknüpf es mit etwas, das du sowieso jeden Tag tust.
  • Lass es unperfekt sein; Wiederholung schlägt Genauigkeit.
  • Schau einmal pro Woche drauf, wie du dich an Tagen fühlst, wo du’s auslässt.

Der versteckte Gewinn dieser winzigen, wiederholten Pausen

Je öfter du deine Erdungsroutine wiederholst, desto weniger ist sie Anstrengung – und desto mehr verhält sie sich wie Muskelgedächtnis. An einem Dienstag, der komplett entgleist, erwischst du dich vielleicht fast reflexartig dabei: Hand auf der Brust im Lift, langsames Ausatmen, bevor du in einem angespannten Meeting das Mikro entstummst, Fingerspitzen, die beim schwierigen Telefonat am Rand vom Häferl entlangfahren.

Da wird der unauffällige Nutzen sichtbar. Deine Routine wird weniger zu einer „Self-Care-Aktivität“ und mehr zu einer inneren Leitplanke. Du musst sie dir nicht verdienen, indem du zuerst ruhig wirst. Du nimmst sie direkt mit rein ins Chaos – so wie du grad bist.

Und im größeren Bild verändert die Wiederholung still und leise die Geschichte, die du dir über dich selbst erzählst, wie du intensive Phasen meisterst. Statt „Ich fall immer auseinander, wenn’s hart wird“ gibt’s Beweise – so klein sie auch sind –, dass du einen Weg zurück hast. Und diese Beweise sammeln sich an, ein winziges Ritual nach dem anderen.

Kernpunkt Detail Nutzen für Leser*innen
Winzige Routinen 20–60 Sekunden, gekoppelt an Alltags-Handgriffe Leicht einzubauen, selbst an komplett vollen Tagen
Wiederholung vor Perfektion Gleiche Abfolge, oft, statt ein „perfektes“ Ritual Baut einen automatischen Reflex zurück zur Ruhe auf
Körperliche Verankerung Fokus auf Körperempfindungen und Atmung Beruhigt das Nervensystem ohne komplizierte Hilfsmittel

FAQ:

  • Was ist eine Erdungsroutine genau? Eine kleine, wiederholbare Abfolge, die deine Aufmerksamkeit zurück in den Körper und in den gegenwärtigen Moment bringt – oft über Atmung, Berührung oder sensorischen Fokus.
  • Wie oft soll ich sie an einem stressigen Tag machen? Starte mit 2–3 Mal, verknüpft mit Momenten, die sowieso passieren, z. B. Kaffee machen oder dich an den Schreibtisch setzen, und lass es dann natürlich wachsen.
  • Was, wenn ich’s vergesse, wenn ich gestresst bin? Ganz normal; Stress macht die Wahrnehmung enger. Fang beim nächsten Anker-Moment sanft wieder an, ohne eine „Versagensgeschichte“ draus zu machen.
  • Kann eine Routine rein mental sein, z. B. einen Satz wiederholen? Kann helfen, aber wenn du den Satz mit einem körperlichen Signal kombinierst (z. B. Füße fest in den Boden drücken), wirkt’s meistens deutlich beruhigender.
  • Wie lange dauert’s, bis ich einen Effekt merke? Manche spüren nach ein paar Tagen eine kleine Veränderung; bei anderen braucht’s ein paar Wochen ziemlich konsequente Wiederholung, bis sie sich insgesamt geerdeter fühlen.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen